Interview vom 08.08.2013

Interview mit Martin Rothmoser, Vorstand der Bioenergie Grafing AG

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„Bioenergie macht unabhängig“

Deutschland setzt auf die Energiewende. Neben Wind- und Solarenergie repräsentiert Biomasse die dritte Säule dieses Konzepts. Die Vorteile liegen auf der Hand: Bioenergie ist regenerativ, schont die knapper werdenden fossilen Brennstoffe und trägt zum Klimaschutz bei. Trotzdem gibt es Skeptiker. Martin Rothmoser gehört nicht dazu. Für ihn steht fest: „Keine Energiewende ohne Biomasse“. Rothmoser ist Vorstand der Bioenergie Grafing AG. Diese betreibt seit rund drei Jahren eine Biogasanlage. Als mit Abstand größter Produzent von erneuerbaren Energien in Grafing setzt das Familienunternehmen auf die einzige erneuerbare Energie, die vor Ort in großen Maßstab nutzbar ist – aus Biogas wird Strom und Wärme produziert. Im Interview erklärt Martin Rothmoser, wie die Grafinger Biogasanlage funktioniert, was sie so besonders macht und warum die Zukunft das Biogas braucht. Außerdem spricht er offen die Probleme an, mit denen das Unternehmen zu kämpfen hat und was man in Zukunft gegen Bedenken tun will.

Herr Rothmoser, die Grafinger Biogasanlage ist ein enorm ehrgeiziges Projekt. Wie funktioniert sie eigentlich? Eine Biogasanlage funktioniert ungefähr so wie ein Kuhmagen. Vorbild sind die natürlichen Zersetzungsvorgänge in der Natur. Dabei entsteht ständig Biogas. Das Methan im entstandenen Biogas ist ein Energieträger. Durch Verbrennung wird diese Energie in Wärmeenergie gewandelt. Damit laufen Verbrennungsmotoren. Diese treiben wiederum einen Generator an, der Strom erzeugt. Die Wärme des Verbrennungsprozesses wird als Heizenergie genutzt.

Die Biogasanlage in Grafing weist eine Besonderheit auf. Welche? Die meisten Biogasanlagen dieser Art nutzen nur elektrische Energie. Unsere Anlage ist schon ein Schritt weiter. Auch die Abwärme findet auf hocheffiziente Weise Verwendung.

Was geschieht damit? Die Abwärme wird in das Fernwärmenetz eingespeist und versorgt Stadthalle, Gymnasium, Grundschule und viele Wohnungen und Geschäftshäuser im Ort. Sogar das Freibad lässt sich so günstig erwärmen, in diesem Sommer eine besonders willkommene Angelegenheit.

Wie viel Strom und Wärme wird in der Biogasanlage in Grafing produziert? Rund 2,3 Millionen Kubikmeter Biogas wird pro Jahr erzeugt. Etwa 1000 Haushalte in Grafing werden mit Strom und darüber hinaus 300 Wohnungen mit Wärme aus erneuerbaren Energien versorgt. Der Ökostromanteil im Stromnetz Grafing beträgt bereits einen Wert von rund 30 Prozent.

Viel Positives. Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen. Die Debatte reißt nicht ab. Was sagen Sie zu dieser Diskussion? Fakt ist, ohne die Nutzung der Biomasse wird die Energiewende nicht gelingen. Wind, Wasser und Sonne sind nicht überall und immer verlässliche Partner. Darum brauchen wir die Biomasse. Außerdem – die meisten Sorgen sind völlig unbegründet. Sie entstehen oftmals aus Unkenntnis.

Können Sie diesen Punkt näher erläutern? Nehmen wir doch den Mais. Diese Feldfrucht wird zu Unrecht angegriffen. Sogar von Umweltgefährdung ist in Verbindung mit ihr immer wieder einmal die Rede. Das Gegenteil ist der Fall. Diese enorm energiereiche Pflanze kommt mit viel weniger Spritzmittel aus als Getreide und Raps. Dieser Punkt ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Mit was wird denn die Anlage in Grafing „gefüttert“? Mit Gülle, Silomais, Grassilage, Ganzpflanzen-Silage und geschroteten Mais. Der letzte Posten ist der mit Abstand geringste.

Woher kommen diese Rohstoffe?  Alles kommt aus der näheren Umgebung von Grafing. Längere Transportwege verbieten sich für uns sowohl aus finanzieller als auch aus ökologischer Sicht.

Speziell im Fall der Biogasanlage in Grafing, fürchten sich einige Anwohner auch vor Gestank und Lärm. Sind diese Sorgen berechtigt? Nein, auch das sind Vorurteile.  Korrekt betriebene Biogasanlagen wie im Fall von Grafing, stinken nicht.  Alle Behälter sind gasdicht verschlossen, schließlich wollen wir das entstehende Biogas zu 100 Prozent nutzen.

Fakt ist aber, die Anwohner riechen etwas. Diese Geruchsquelle entsteht von den in dem Silo gelagerten Einsatzstoffen. In unserem Fall sind das Mais und Gras. Wie bei jedem Silo im landwirtschaftlichen Bereich entsteht dort der typische „Silogeruch“. Wir sind aber bemüht, diese Geruchsbelästigung auf ein Minimum zu bringen.

Wie soll das funktionieren? Zum Beispiel durch das Einsprühen der Schnittflächen an der Silage. Das ist Neuland. Aber das könnte den Geruch tatsächlich spürbar verringern.

Bleibt die Sorge vor mehr Lärm durch steigendes Verkehrsaufkommen. Die Biogasanlage muss  schließlich beliefert werden. Das stimmt. Aber die Fahrten halten sich in Grenzen. Die Gülle wird ganzjährig mit Tanklastzügen angeliefert. Im Sommer werden Reststoffe, die als Dünger eingesetzt werden, von der Biogasanlage abtransportiert. Daraus ergeben sich pro Tag etwa drei bis vier Verkehrsbewegungen. Im Herbst steigt während der Maisernte für etwa sechs Tage das Verkehrsaufkommen auf rund 230 Verkehrsbewegungen pro Tag. Dies entspricht nur etwa fünf Prozent des ohnehin vorhandenen Verkehrs. Nachts, nach 22 Uhr, finden auch in dieser Zeit keine Transporte statt.

Für viel Wirbel sorgten in jüngster Zeit  Schlagzeilen über eine Produktionsüberschreitung. Diese führte letztlich zu einer Strafe in Höhe von 40.000 Euro. Grund für die Überschreitung war vor allem der lange und kalte Winter. Den dadurch gestiegenen Grafinger Wärmebedarf wollten wir anstatt mit fossilen Energieträgern mit Biogas decken. Dazu kommt, dass wir im Sommerhalbjahr das Wasser des beliebten Grafinger Freibades sehr günstig mit regenerativer Abwärme temperieren. Dass die jährlich erlaubten 2,3 Millionen Kubikmeter Biogas in den Monaten November und Dezember 2012 dabei deutlich überschritten wurden, war so nicht vorauszusehen. Zur Verunsicherung hat auch beigetragen, dass erst im Spätherbst vergangenen Jahres geklärt werden konnte, wie die erzeugten Mengen Biogas in Normkubikmeter Gas umzurechnen sind.

Das Unternehmen trifft also keine Schuld? Es wurden Fehler gemacht, das müssen wir eingestehen. Aber: wir haben daraus gelernt.

Was soll nun in Zukunft anders laufen? Wir setzen auf Transparenz. Die aktuell produzierten Gasmengen können jederzeit auf unserer Internetseite eingesehen werden. Außerdem werden wir alles tun, um die Grafinger Bürger von den Vorteilen dieser Art der Energiegewinnung zu überzeugen.

Das wird nicht unbedingt leicht – Wichtig sind Gespräche und Aufklärung. Geplant ist auch ein Mediationsverfahren.

Was wollen Sie den Menschen in den Gesprächen sagen? Wie wichtig diese Art der Energieversorgung für unsere Zukunft ist. Bioenergie versorgt die Bevölkerung mit Wärme aus heimischen Rohstoffen, ist kostengünstiger als Öl und Gas, erhält die Wertschöpfung im ländlichen Raum und macht uns unabhängig von Erdölstaaten. Sie ist  ein Schlüssel für die Zukunft.

Wie sieht der Schlüssel für die Zukunft für Ihr Unternehmen aus? Um den wirtschaftlichen Betrieb unserer Anlage mittelfristig sicherzustellen, sollte eine Produktionserhöhung möglich sein. Wir planen darum eine Änderung der Privilegierung in ein Sondergebiet.

Sind dafür bauliche Maßnahmen nötig? Nein, dafür braucht es keine baulichen Veränderungen.

Zum Abschluss – was wünschen Sie sich für die Zukunft? Eine verlässliche Politik und Vertrauen, insbesondere auch von Seiten der Anwohner. Was wir dazu beitragen können, werden wir tun.

Das Gespräch führte Dagmar Dieterle /August 2013